Yangtze - The Long River

10 April - 4 June 2011

Forum für Fotografie
Schönhauser Str.
850968 Köln
Germany

Fünfmal bereiste Nadav Kander zwischen 2005 und 2007 den Jangtsekiang stromaufwärts, von der Mündung im Ostchinesischen Meer bis zur Quelle im Qinghai-Plateau von Tibet. Nie mehr als 20 Meilen entfernt vom Fluss entstand die Fotoserie Yangtze - The Long River, die die tief einschneidenden Veränderungen der Uferlandschaften infolge einer ungezügelten Modernisierung Chinas dokumentiert. Großprojekte wie der Drei-Schluchten-Staudamm und das Süd-Nord-Wassertransfersystem, gigantische Brücken, hochgezogene Wohnblöcke westlicher Bauart schlagen Wunden in die Landschaft und rauben viel von ihrer Schönheit und Idylle. Unversöhnlich existieren Tradition und Moderne nebeneinander am „Großen Fluss“, der für die Chinesen sowohl historisch als auch spirituell stets eine wichtige und Identität stiftende Rolle spielte.

 
Nadav Kander fotografierte dunstig-neblige Landschaften, deren gelblich-graue Farbe an Luftverschmutzung erinnert; Landschaften, die verunstaltet sind durch massive bauliche Eingriffe im Namen des Fortschritts. Über den Fluss ragende, noch im Bau befindliche Brückenteile verstärken den Hinweis auf den rasanten wirtschaftlichen Wandel, indem sie das Prozessuale hervorheben. Diese im Bild festgehaltene, implizite Dynamik geht eine spannungsvolle Beziehung ein mit der Weite und Stille der kontemplativen Landschaft. Aus ihrem sozioökonomischen Kontext gehoben, besitzen Kanders Fotografien die melancholische Schönheit der romantischen Landschaftsmalerei. So etwa wenn Menschen sich zu einem Picknick unter riesigen Brückenpfeilern in Chongqing einfinden und neben ihnen ein kleines chinesisches Boot ankert.
 
Die Menschen am Fluss sind in Kanders Bildern stets präsent, wirken jedoch immer klein und verloren angesichts der Größe und Erhabenheit der Landschaft einerseits und der Gewalt des Fortschritts andererseits. Ohne Einfluss auf die Entwicklung nehmen zu können, müssen die Bewohner den hemmungslosen Wandel ihrer Umgebung hinnehmen und sich damit abfinden, dass es die Landschaft aus Kindheitstagen für sie nicht mehr gibt. In der Landschaft eine Konstante zu erfahren, ist vielen Menschen fremd geworden.
 
Im Jangtsekiang mit seinen Uferlandschaften sieht Nadav Kander das Sinnbild eines unnatürlich schnellen und oft genug inhumanen Fortschritts. Sein Werk ist eine ins Bild gesetzte sehr persönliche Reflexion über die sozialen und ökologischen Konsequenzen der wirtschaftlichen Entwicklung des modernen China.
 
Kanders Fotoserie besticht durch ihre Vielseitigkeit, die die eindeutige Zuordnung zu einem fotografischen Genre verweigert: Dokumentarfotografie, die zum Nachdenken anregt, vermischt sich mit künstlerisch inspirierter Landschafts- und Architekturfotografie, die zum Meditieren einlädt. Die klare Formensprache der Aufnahmen vermag auf der künstlerischen Ebene Gegensätzliches zu versöhnen: Die Auswüchse der menschlichen Intervention sind zwar ein Makel in der Landschaft, jedoch ein Makel, der als interessantes Detail einer sorgfältigen Komposition dem Bild oftmals Reiz und Schönheit verleiht. Diese „paradoxerweise schönen Fotografien“, wie es Kofi A. Annan in der Einleitung zu der Monografie Yangtze - The Long Rivertreffend formuliert, „[sprechen] eine darüber hinausgehende Wahrheit an. Die Fotografien erinnern uns an die Fragilität unserer Welt und an den Schaden, den wir angerichtet haben – Schaden, der über die Grenzen nationaler Staaten hinausgeht.“
Estella Kühmstedt